Freitag, 6. Juli 2018

Der barmherzige Samariter



Kein Gleichnis wird dieser Tage so überstrapaziert wie jenes des barmherzigen Samariters.
Und dennoch ist es unangemessen.
Der Samariter, den wir aus dem Evangelium kennen, er war in eigenen Angelegenheiten unterwegs und dort fiel ihm quasi der Mensch vor die Füße, um den er sich dann eigenverantwortlich und selbstlos(!) angenommen hat, soweit es eben seine eigenen Mittel erlaubten. 

Diejenigen, die heutzutage so selbstgefällig und medienwirksam Samariter spielen, sind ständig auf Suche, irgendwo eine arme rettenswerte Haut zu ergattern, derer sie sich dann organisiert und professionell annehmen können, ja manchmal hat man den Eindruck, es müssen sogar Opfer kreiert werden, damit  für die vielen, mitunter äußerst  geschäftstüchtigen Berufs-Samariter dieser Tage auch genügend Material zur Selbstverwirklichung zur Verfügung steht.
Schlichtweg besorgniserregend finde ich es, wenn ich dann folgende, wenn auch sicher gut gemeinte, Worte lese:

»…möchte ich meinen Dank dafür ausdrücken, dass ihr heute das Gleichnis des Guten Samariters verkörpert, der stehen blieb, um das Leben des armen Mannes zu retten, der von Räubern überfallen worden war, ohne danach zu fragen, wer er war, ohne nach seiner Herkunft, nach dem Grund seiner Reise oder nach seinen Papieren zu fragen …: Er entschied einfach, sich um ihn zu kümmern und sein Leben zu retten. Den Geretteten möchte ich abermals meine Solidarität und Unterstützung bekunden, da ich die Tragödien kenne, vor denen ihr geflohen seid. Ich bitte euch, dass ihr weiterhin Zeugen der Hoffnung seid in einer Welt, die täglich mehr um ihre Gegenwart besorgt ist, aber kaum Zukunftsperspektiven hat und unwillig ist zu teilen, und dass ihr unter Achtung der Kultur und der Gesetze der Aufnahmeländer gemeinsam am Weg der Integration mitarbeitet….«
Quelle

Nein, der barmherzige Samariter mietet sich keine Schiffe. um vor einer fernen Küste zu patrouillieren und dann gesunde junge Männer zu retten, die an Schlepper (Räuberbanden) Unsummen bezahlen, aufs Meer hinaus schippern und dort auf Rettung spekulieren.
Es ist nicht barmherzig, die Barmherzigkeit krampfhaft zu suchen und ihr selbstgefällig zu frönen.
Die Barmherzigkeit ergibt sich immer aus einer Situation der Notwendigkeit und nicht aus Berechnung.
Zeugen der Hoffnung sollten keine falschen Perspektiven anbieten, die völlig unerfüllbar sind. Auf diese Weise
werden nur noch mehr Glücksritter angetrieben, sich für teures Geld in Gefahr zu begeben, um dann am Ende eines oft mutwillig hinausgezögerten Prozesses wieder dort zu landen, von wo sie aufgebrochen sind oder gar schon am Beginn dieser sinnlosen teuren Reise unter die Räder kommen.
Wer meint, die Tragödien der Fluchtursachen zu kennen, der soll diese Tragödien bekämpfen aber sie nicht auf das Mittelmeer oder auf andere Kontinente verlagern.
Legte ich die Situation von heute auf die Geschichte in der Bibel um, so käme ich in etwa zu folgender Geschichte:
Ein Samariter ging  von Jerusalem nach Jericho hinab und wartete dort bis ein Mann von Räubern überfallen wurde. Sofort kam er zu ihm, ließ von seinem Diener die Wunden des Opfers  mit den Ölen eines weiteren Vorbeikommenden versorgen, lud ihn auf dessen Pferd und brachte ihn zu einer Herberge.
Dort übergab er den Armen dem Wirt, befahl, daß man sich gefälligst gut um den Verwundeten zu kümmern habe  und tauchte erst wieder auf, als er den nächsten Überfallenen zur Herberge brachte.
Als er dann im Lauf der Zeit bemerkte, daß es ihm mittlerweile Viele gleich taten und der Wirt nicht mehr wußte, wie und wovon er die immer größer werdende Schar an Überfallenen versorgen sollte, warf er dem Herbergsbetreiber vor, unbarmherzig und wenig nächstenlieb zu sein…..