Montag, 30. Januar 2017

Don Quichotte 2.0 ?



Wenn man gerade noch so erkältet ist, daß man nicht rausgehen kann aber schon passabel genug zum sinnlosen rumsurfen im Web, dann kann es schon passieren, daß man auf Dinge stößt, die einen dann ein bißchen anstacheln, nachzubohren und einem Troll ein paar Brocken hinzuwerfen. So ging es mir am Wochenende und ich habe einen  kleinen Giftzwerg gefunden, der sich selbst aber als ganz großen Held sieht und bewundert.

Er kämpft seit 32 Jahren gegen Nazis

Im Jahr 2017 kämpft er also im worldwideweb tapferst, aufrechtest und ehrenhaftest gegen Nazis (meint damit v.a. jene die er selbst als solche definiert) und tut der Menschheit außerhalb des worldwideweb damit einen Riesendienst. Also seit dem Jahr 1985 zieht er einem Supermann gleich durch die virtuellen Lande und befreit und rettet, ja wen rettet er eigentlich und vor wem?
In letzter Zeit habe ich immer öfter Typen wie diesen selbsternannten Nazi-Jäger im Web angetroffen und das Paradoxe: Sie agieren wie die Hexenjäger aus Salem, wie die Schergen des KGB oder eben genau wie die Gestapo der echten Nazis.
Sobald man einem User w.o. abgebildet darlegt, daß er mit seinen teilweise horrenden, kruden und belegbar falschen Aussagen vollkommen daneben liegt, wird er sofort ausfällig, verfällt in einen wüsten Beschimpfungsjargon, unterstellt dem jeweiligen Kontrahenten völlige Blödheit und verbietet einem letzlich sogar den Mund.



Warum ich das heute aufgreife?
Nicht weil es mich geärgert hätte, au contraire, der arme Mensch tut mir eigentlich von Herzen leid, weil er so verzweifelt danach trachtet etwas Heldenhaftes zu tun, aber anscheinend weder Willens noch fähig ist, seine Energie auch wirklich sinnvoll und fruchtbringend zu focussieren.
Was mich bei diesem Menschen stört – und es ist offensichtlich, daß ein Mensch hinter diesem account steckt und kein bot- ist die Tatsache, daß er durch sein zweifelhaftes Wirken dazu beiträgt, die Nazizeit zu verharmlosen und die Opfer nachträglich zu verhöhnen.
Hätte dieser tapfere Twitterer in den frühen 1930- iger Jahren gelebt, er hätte bei den letzten, angeblich freien Wahlen(!) genauso Hitler gewählt, wie viele andere Deutsche, denen sowohl die eigene als auch die Unversehrtheit der Familie das Wichtigere waren und wer weiß, bei diesem offensichtlich so romantisch verklärtem Drang Heldenhaftes zu tun, hätte er womöglich sogar eine braune oder schwarze Uniform getragen?
Es ist leicht, 2017 gegen Nazis zu kämpfen, wenn man weit und breit von keinem Nazi inkommodiert wird.
Es war ungleich schwerer 1933 gegen die Nazis zu widerstehen, wenn jeder x-beliebige Nachbar dafür sorgen konnte, daß man von einer Minute auf die andere abgeführt wird, weil man  Jude, Sozi, Katholik, Zeuge Jehova, schwul, geistig oder körperlich beeinträchtigt oder sonst irgendetwas war sondern auch einfach nur deshalb, weil man diesem lieben Nachbarn nicht sympathisch war. Ein einziges denunzierendes Wort eines mißgünstigen Mitmenschen reichte schon aus, um für immer von der Bildfläche zu verschwinden.
Und dennoch gab es –Gott sei Dank- auch damals den Widerstand.
Fast alle Widerstandskämpfer bezahlten mit ihrem Leben.
Keiner von ihnen hat sich dafür gerühmt oder gar selbst als Held herausgestrichen.
Wie lediglich erbärmlich und bedauernswert diese selbst ernannten Don Quichottes des 21. Jahrhunderts doch wären, wenn sie durch ihr selbstgerechtes, narzisstisches und eitles Auftreten nicht auch noch die Opfer und die wahren Helden der Nazizeit verhöhnten. Aber so muß man ihnen zusätzlich die Attribute gefährlich und perfide verleihen und kann sie nicht aufgrund einer eventuellen Einfalt bloß milde belächeln.





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