Mittwoch, 7. Dezember 2016

Darf’s ein bißchen rührselig sein?

 

 

Advent – das ist eine Zeit,  in welcher neben Christkindlmärkten, Glühweinständen und Wohlstätigkeitsveranstaltungen auch immer so schöne Vergleiche bemüht (im wahrsten Wortsinn von “strapaziert”) werden.

Da setzen sich auch Menschen, die nicht einmal mehr wissen, was am 25.12. wirklich gefeiert wird eine rote Mütze auf, erheben ihr Punschglas und singen Lieder, deren Texte sie wenn überhaupt verstehen, gewaltsam an Situationen anpassen, mit denen Weihnachten, die Geburt Jesu Christi, nicht das geringste zu tun hat.

So höre ich doch u.a.  regelmäßig vor Weihnachten, Jesus wäre Flüchtling, der erste Kommunist, ein Revoluzzer u.s.w.  gewesen, Maria beinahe eine alleinerziehende Mutter und wie furchtbar schrecklich und typisch das Verhalten des Wirtes, dieses reaktionären Kapitalisten war, einer Schwangeren den Weg zu weisen.
Im selben Atemzug sind viele von ihnen aber überzeugt, daß Abtreibung ein Menschenrecht, Sterbehilfe irgendetwas mit Menschenwürde ist und wir sowieso viel großzügiger mit Geld umgehen sollten, welches wir nicht selbst verdient haben.

Nun denn, wenn Krethi und Plethi diese glühweinseligen und umweihnachteten abstrusen Vorstellungen hegen und pflegen, dann ist das wohl dem Zeitgeist geschuldet.
Schlimmer finde ich schon die klerikalen Ausrutscher, von denen es im Advent und zu Weihnachten auch nur so wimmelt und wo man doch meinen könnte, daß gerade die theologisch gebildeten und geweihten Männer Gottes  etwas mehr zu bieten haben müßten.

Kein Kirchenlied wird mehr gesungen, keine mit Kummerfalten vorgetragene Fürbitte, keine salbungsvolle Predigt gehalten ohne Querverweis auf die - oder gar Vergleich mit der derzeitigen Flüchtlingssituation.

Ein klerikales Fundstück auf Twitter heute morgen, nur als Beispiel:

 

Adventtweet macht hoch

….

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat.

O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
eu’r Herz zum Tempel zubereit’.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

 

Eine einzige Textzeile des Liedes gewaltsam umgemünzt und sinnentleert, die restlichen Zeilen verschwiegen und unter den Tisch fallen gelassen, damit man in selbstgerechter adventlicher Rührseligkeit einen scheinbaren Bezug zum Zeitgeschehen herstellt.

Glauben oder sollen wir tatsächlich glauben, daß die neu eingewanderten Menschen die Herren der Herrlichkeit sind, ihr Szepter die Barmherzigkeit und Sanftmütigkeit ihr Gefährt ist?

 

Wollte oder müßte ich dieses Lied für unsere Zeit instrumentalisieren bzw.interpretieren, so sähe ich darin vor allem die Ermunterung, das Christentum und die verfolgten Christen in genau jenen Ländern zu unterstützen, aus denen nun so viele Menschen anderen Glaubens zu uns hereinströmen, damit gerade die dritte und die letzte Strophe des Liedes auch von diesen Menschen unbehelligt gesungen werden:

 

O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein.
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat.

 

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

 


 

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