Samstag, 3. September 2016

Altern



Ich habe den Eindruck altern ist weniger eine Frage des biologischen Alters als ein gesellschaftlicher Zustand und man hat selbst so gut wie keinen Einfluß darauf.
Es fängt an mit der

  • Kindheit – da hat man, selbst wenn man als Familientyrann ganze Haushalte durcheinanderbeutelt,  faktisch nicht viel zu sagen und läßt diesen Zustand mehr oder weniger passiv über sich ergehen.
  • Jugend – aber hallo! Da gehört man doch schon irgendwo dazu, mischt kräftig mit, bringt sich also schon ein, und weiß, seinen Wünschen Bedeutung und Nachdruck zu verleihen.
  • Jung – da ist man effektiv dabei, wird beachtet, geliebt, bewundert, gehaßt u.s.w.
  • Nicht mehr jung – da wird’s schon schwieriger, beachtet zu werden. Man wird immer öfter ignoriert und man fängt an für zwei Altersstufen unterhalb verdächtig zu wirken. Zudem verfallen manche in den fatalen Fehler sich immer noch jung geben zu wollen und katapultieren sich damit selbst ins absolute Out.
  • Älter – man wird wenigstens noch geduldet und hie und da vielleicht sogar noch ernst genommen, wenn es um gravierendere Probleme geht.
  • Und dann kommt diese fürchterliche Phase, wo man nur ja nicht krank werden sollte, weil ab sofort jede Krankheit tödlich enden könnte. 
    Die Akzeptanz gegenüber so einem wandelnden Beinahe- Leichnam mitte 50 oder 60 ist schnell enden wollend und beim geringsten Fehler wird sofort auf den in diesem Alter logischerweise einsetzenden, geistigen Verfall verwiesen.
  • Greisenalter - da findet man heutzutage vielleicht wieder Anerkennung und Aufmerksamkeit, vor allem, wenn man mit 80 oder 90 noch Gewichte heben oder andere sportliche Meisterleistungen vollbringt oder schnell noch ein Doktorat in Mathematik oder Atomphysik summa cum laude abschließt, bevor man endgültig sang- und klanglos in die Grube fällt.
Das war’s dann also, so rein gesellschaftlich von außen betrachtet.
Mitten in der fürchterlichen Phase vegetiere ich also nun-  von außen betrachtet- vor mich hin, dabei wäre ich atypischerweise eigentlich ganz zufrieden, erfreue mich sogar an allerlei schönen Dingen, nehme meine Umgebung und deren teils selbstzerstörerisches Handeln wahr und sehe Dinge kommen, in welche zwei, drei Altersstufen unter mir blindlings hineinrennen, weil, ja weil es in meiner Altersstufe verantwortungslose und skrupellose Idioten (und Idiotinnen) gibt, die in ihrer nächsten Alterstufe offensichtlich weder ein Doktorrat noch sportliche Höchstleistungen zu erbringen beabsichtigen, sondern lieber jetzt  das Grab für unsere Gesellschaft ausschaufeln.
Und das ist eigentlich die wahre Tragödie des Alterns:
Zu erkennen, wie etwas falsch läuft, aber nicht sagen zu dürfen, daß der Karren an die Wand fährt, weil der unverfrorene Fahrer (die Fahrerin) einen Mordsspaß daran hat, daß die Fahrgäste im Karren aufgrund der Unbedarftheit ihres Alters nicht erkennen können, daß der Fahrer (die Fahrerin) in Wahrheit ein Kamikazepilot ist.

Gondola 2



1 Kommentar:

  1. Ich muss Ihnen zustimmen. In unserem Alter sieht man viel klarer die Folgen unseres Handelns, zumindest Sie und ich.
    Ich schweige nicht, aber was hilft´s? Die Mehrheit der Jungen glauben es nicht und schauen mich an wie eine arme alte Irre. Aber diese Jungen haben es auch schwer, denn es gibt so viele Alte (vor allem in der Politik), die genauso blind, unwissend und mit Scheuklappen herumlaufen oder aus Machtgier oder was weiß ich warum so handeln. Und die Jungen müssen wählen, wem sie glauben den Blinden oder den Sehenden.

    AntwortenLöschen