Donnerstag, 4. Februar 2016

Die Verwandlung



» Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er…..«
 
Nie hätte ich gedacht, daß diese Verwandlung  von Franz Kafka einmal Realität werden könnte.
Und dennoch, seit ein paar Tagen wachen wohl viele Verwandelte auf und fragen sich,
 
»Was ist mit mir geschehen?«
 
Es hat eine Transformation stattgefunden, plötzlich und unerklärlich.
Als
 
  • glaubenstreuer
  • frommer
  • konservativer
Katholik ist man ins Bett gegangen und als braunes, rechtsradikales Ungeheuer ist man erwacht.
Was ist (mit mir) geschehen, fragt man sich, darf ich mich noch aus dem Haus wagen und zum Gottesdienst in eine Kirche gehen oder soll ich lieber einen Priester auftreiben, der irgendwo in einem katakombenhaften Keller mit mir und all den anderen transformierten Monstern heimlich die Hl. Messe feiert?
Und dann kommt Licht in das Dunkel dieser dunkelkatholischen Verwandlung.
In der Nacht zum Sonntag ist die blonde Fee der Gerechtigkeit durch die Lande gezogen und hat aus uns gemacht, was wir nun sind.
Einfach so, schwuppdiwupp, durch ein paar hingehauchte Zeilen in einer Zeitung.
Und genauso wie bei Kafka die Schwester des Gregor Samsa, Grete Samsa, schließlich artikuliert, daß Gregor nicht mehr ihr Bruder sei, applaudieren und artikulieren sich die Greten  dieser Tage zu pharisäerhafter Größe empor und lispeln und stammeln verstohlen oder schreien und kreischen auch ganz unverhohlen  - was sind wir froh, nicht zu sein wie dieses rechte Katholikenpack!
»…Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter – man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße«, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann….«

Und die holde Fee der Gerechtigkeit zieht weiter durch die Lande….


Liane Bednarz 2015


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