Donnerstag, 24. September 2015

Rupertitag



Dieser Tag war in der Endphase meiner ungeliebten Gymnasialzeit immer ein schulfreier Lichtblick, wenngleich er wettermäßig meistens eine Katastrophe darstellte.
Ich erinnere mich noch lebhaft an jenen Rupertitag im Jahr 1979, als ich mit Schnupfen, hängenden Schultern und dickem Winterpullover lustlos, nachmittags und in strömendem Regen zu einer Nachhilfestunde latschte. Es hatte unserem Mathematikprofessor gefallen, gleich Anfang Oktober die erste Schularbeit anzusetzen und überhaupt  - letztes Schuljahr und Matura. Dieses Damoklesschwert  ist permanent über mir geschwebt, aber endlich war ein Ende dieser endlosen Schulzeit abzusehen, wenn auch ein dickes. Bei meinem bisherigen geringen Lernaufwand die sieben Jahre zuvor, erscheint es mir bis heute als regelrechtes Wunder, daß ich alle acht Spielsaisonen ohne da capo durchgestanden habe.
Der Rupertitag 2015 ist ebenso saukalt und naß, der Kirtagsrummel geht auch diesmal an mir vorbei, denn Gruppenbesäufnis und kollektive Bespaßung, die noch dazu teuer zu bezahlen sind, haben mir noch nie etwas gegeben.
Auch 2015 hängen meine Schultern, nicht aus Lustlosigkeit sondern aus Sorge um das Geschehen in dieser verrückten Welt. Es ist nicht Angst oder gar Verzweiflung, wie manche einem vielleicht unterstellen mögen, es ist die einfache Erkenntnis, daß man mit der Masse nach wie vor machen kann, was man will, wenn man nur die richtigen aber altbewährten Methoden anwendet und diese sind im Jahr 2015  in einer vor allem virtuell zusammengerückten Welt so leicht anwendbar, wie noch nie zuvor.
Da kann man Millionen von Menschen dazu bringen, sich ohne Rücksicht auf Verluste auf den Weg nach Europa zu machen, sämtliche Grenzen zu ignorieren und ganze Regierungen sind zu Tränen gerührt, vor allem ob ihrer eigenen Hilfsbereitschaft und Humanität sowie ihres scheinbaren Zusammenhalts in so schwierigen Zeiten, die sie selbst wissentlich herbeigeführt haben und letztlich dafür sorgen werden, daß wohl eher früher als später dieses Europa, welches man uns einst so vollmundig als großes Friedensprojekt eingetrichtert hat, den sprichwörtlichen Bach hinuntergehen wird.
1979 im Geschichtsunterricht war es uns vollkommen unverständlich, wie sich die Deutschen und Österreicher zu dem berühmten “Führer  sprich – wir folgen Dir” hinreißen lassen konnten.
2015 sehe ich, wie eine demokratisch gewählte Regierungschefin sagt “ Wir können das schaffen” und wie jeder, der das Gegenteil auch nur andenkt, als Rassist und Fremdenhasser abgestempelt wird -  und die Menge klatscht, weil es uns ja angeblich noch so gut geht.
Wir haben Smartphones, freien Internetzugang, wir dürfen nahezu ungestraft über jeden und alles ablästern und wir haben Fußball, Bachelor oder Shopping Queen, sowie 60 Geschlechter auf Facebook.Wir sind Teil einer sich selbst beweihräuchernden Wertegemeinschaft  und zeigen mit dem Finger auf jene, die den proklamierten Humanitätsdurchhalteparolen nicht so Folge leisten, wie sich das die gut bezahlten Herren und Damen Politiker Europas wünschen.
Was wir jetzt noch bräuchten, wäre ein großer Bottich Gratissand für jeden Haushalt, wo wir wir dann täglich unseren Kopf hineinstecken, um am Ende der Katastrophe mit gutem Gewissen sagen zu dürfen, daß wir das (was auch immer) ja nicht haben voraussehen können.
Am Rupertitag 2015 bin ich fast schon froh, daß die Zeit vor mir nun überschaubarer geworden ist.
Wäre ich jetzt erst 17 Jahre alt und könnte nur bis zur nächsten Schularbeit denken, mich über die vermeintliche Indolenz vergangener Generationen entrüsten, um dann aus allen Wolken zu fallen, weil mich die eigene Indolenz und das gelenkte Mitschwimmen im selbstgefälligen und selbstgerechten Strom der Manipulierbaren  gegenüber der Realität hat blind werden lassen – was für ein schlimmes Erwachen stünde mir bevor.
Jetzt kann ich mir immerhin einreden, manches nicht mehr erleben zu müssen – eine zwar leicht bittere, aber immerhin eine Gnade.

2012-11-13 009

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