Dienstag, 23. Juni 2015

Ich lese noch immer…



… die Enzyklika  Laudato Si , weil ich momentan fast nur abends im Bett Zeit bzw. Muße zum Lesen habe und da ist es dann oft so, daß mir die Augen zufallen und ich am nächsten Morgen nicht mehr weiß, was ich gelesen habe. Mittlerweile bin ich beim letzten Drittel angelangt, habe mich zeitweilig in meine Jugendjahre versetzt gefühlt, als wir gegen damalige Wirtschafts- und Umweltpolitik in unserer Naivität u.a.  mit Liedern wie Kumbaya My Lord, House of rising sun  und ähnlich revolutionärem englischsprachigen Liedgut ankämpften und Slogans wie make Love not war und give peace a chance  uns als Credo der seligmachenden Zukunft vorgekommen sind.
Gestern abend bin ich wach geblieben und habe u.a. Folgendes gelesen:

211. Dennoch beschränkt sich diese Erziehung, die berufen ist, ein „ökologisches Bürgertum“ zu schaffen, manchmal darauf zu informieren und erreicht es nicht, Gewohnheiten zu entwickeln. Die Existenz von Gesetzen und Regeln reicht auf lange Sicht nicht aus, um die schlechten Verhaltensweisen einzuschränken, selbst wenn eine wirksame Kontrolle vorhanden ist. Damit die Rechtsnorm bedeutende und dauerhafte Wirkungen hervorbringt, ist es notwendig, dass der größte Teil der Mitglieder der Gesellschaft sie aufgrund von geeigneten Motivierungen akzeptiert hat und aus einer persönlichen Verwandlung heraus reagiert. Nur von der Pflege solider Tugenden aus ist eine Selbsthingabe in einem ökologischen Engagement möglich. Wenn jemand, obwohl seine wirtschaftlichen Verhältnisse ihm erlauben, mehr zu verbrauchen und auszugeben, sich gewohnheitsgemäß etwas wärmer anzieht, anstatt die Heizung anzuzünden, bedeutet das, dass er Überzeugungen und eine Gesinnung angenommen hat, die den Umweltschutz begünstigen. Es ist sehr nobel, es sich zur Pflicht zu machen, mit kleinen alltäglichen Handlungen für die Schöpfung zu sorgen, und es ist wunderbar, wenn die Erziehung imstande ist, dazu anzuregen, bis es zum Lebensstil wird. Die Erziehung zur Umweltverantwortung kann verschiedene Verhaltensweisen fördern, die einen unmittelbaren und bedeutenden Einfluss auf den Umweltschutz haben, wie die Vermeidung des Gebrauchs von Plastik und Papier, die Einschränkung des Wasserverbrauchs, die Trennung der Abfälle, nur so viel zu kochen, wie man vernünftigerweise essen kann, die anderen Lebewesen sorgsam zu behandeln, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder ein Fahrzeug mit mehreren Personen zu teilen, Bäume zu pflanzen, unnötige Lampen auszuschalten. All das gehört zu einer großherzigen und würdigen Kreativität, die das Beste des Menschen an den Tag legt. Etwas aus tiefen Beweggründen wiederzuverwerten, anstatt es schnell wegzuwerfen, kann eine Handlung der Liebe sein, die unsere eigene Würde zum Ausdruck bringt.

Man möge mir verzeihen, aber dieser so gut gemeinte Abschnitt hat mir zu einem kleinen Lachanfall verholfen, kenne ich doch als jemand, der in einem Mehrparteienhaus wohnt, die Realität der Heizungsbenutzer, die bei einem sommerlichen Kälteeinbruch laut aufschreien, falls die Heizung für das ganze Haus nicht sofort  hochgefahren wird oder von vornherein der Vorlauf der Anlage nicht dermaßen auf Hochtouren läuft, daß man im Winter mit T-Shirt und kurzer Hose in der Wohnung rumlaufen kann. Da ist Schluß mit lustig und Öko oder Umwelt, da wird ein Heizungsbetreuer angedroht und angegiftet und auf fiktive Rechte verwiesen sowie mit Rechtsanwälten gedroht, falls man im Wohnzimmer lediglich(!) 21°C erreicht. Mit dieser oben erwähnten. “noblen Gesinnung” ist es also nicht sehr weit her….
Aber es stehen auch andere Dinge in der Enzyklika, solche die man sich als Katholik erwartet hat und die in den einschlägigen Medien wohl kaum erwähnt werden (dürfen):


120. Da alles in Beziehung steht, ist die Verteidigung der Natur auch nicht mit der Rechtfertigung der Abtreibung vereinbar. Ein erzieherischer Weg, die Schwachen anzunehmen, die uns umgeben und die uns manchmal lästig oder ungelegen sind, scheint nicht machbar, wenn man nicht einen menschlichen Embryo schützt, selbst wenn seine Geburt Grund für Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten sein sollte: „Wenn der persönliche und gesellschaftliche Sinn für die Annahme eines neuen Lebens verloren geht, verdorren auch andere, für das gesellschaftliche Leben hilfreiche Formen der Annahme

123. Die Kultur des Relativismus ist die gleiche Krankheit, die einen Menschen dazu treibt, einen anderen auszunutzen und ihn als ein bloßes Objekt zu behandeln, indem er ihn zu Zwangsarbeit nötigt oder wegen Schulden zu einem Sklaven macht. Es ist die gleiche Denkweise, die dazu führt, Kinder sexuell auszubeuten oder alte Menschen, die den eigenen Interessen nicht dienen, sich selbst zu überlassen. Es ist auch die innere Logik dessen, der sagt: Lassen wir die unsichtbare Hand des Marktes die Wirtschaft regulieren, da ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die Natur ein unvermeidbarer Schaden sind. Wenn es weder objektive Wahrheiten noch feste Grundsätze gibt außer der Befriedigung der eigenen Pläne und der eigenen unmittelbaren Bedürfnisse – welche Grenzen können dann der Menschenhandel, die organisierte Kriminalität, der Rauschgifthandel, der Handel mit Blutdiamanten und Fellen von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind, haben? Ist es nicht dieselbe relativistische Denkweise, die den Erwerb von Organen von Armen rechtfertigt, um sie zu verkaufen oder für Versuche zu verwenden, oder das „Wegwerfen“ von Kindern, weil sie nicht den Wünschen ihrer Eltern entsprechen? Es handelt sich um die gleiche Logik des „Einweggebrauchs“, der so viele Abfälle produziert, nur wegen des ungezügelten Wunsches, mehr zu konsumieren, als man tatsächlich braucht. Da können wir nicht meinen, dass die politischen Pläne oder die Kraft des Gesetzes ausreichen werden, um Verhaltensweisen zu vermeiden, die die Umwelt in Mitleidenschaft ziehen. Denn wenn die Kultur verfällt und man keine objektive Wahrheit oder keine allgemein gültigen Prinzipien mehr anerkennt, werden die Gesetze nur als willkürlicher Zwang und als Hindernisse angesehen, die es zu umgehen gilt.

Ja, es lohnt sich, diese Enzyklika zu lesen und es vor allem unvoreingenommen zu tun, denn es gibt darin vieles zu entdecken, das man vielleicht aufgrund einseitiger Berichterstattung nicht erwartet hat.
Aber so ist unser Papst nun einmal, immer für eine Überraschung gut, wenngleich ich auch schon immer der Ansicht war, daß sich die rasche und gewollte Vereinnahmung dieses Papstes durch das sogenannte liberale Lager innerhalb der röm. kath. Kirche bald einmal als Fehlgriff  erweisen wird; denn bei all den Aktionen die dieser Pontifex setzt, liberal oder gar demokratisch im Sinn einer Selbstaufgabe katholischer Prinzipien und Dogmen ist er keinesfalls.
Die Kontinuität dieses Pontifikats  zeigt sich auch schon durch die vielen, bewundernden und liebvollen Zitate seiner unmittelbaren Vorgänger, welche er in Laudato Si immer wieder aufgreift. 
Daß die einschlägigen Vertreter des dem mainstream zugeneigten und dienlichen Lagers gerade in Hinblick auf die Synode im Oktober schön langsam panisch werden und Deutungshoheiten und Druck erzeugen wollen, ist verständlich. Sieht man doch einige wichtige Felle davonschwimmen.
Wie gesagt – Lesen!

Kommentare:

  1. "Etwas aus tiefen Beweggründen wiederzuverwerten, anstatt es schnell wegzuwerfen, kann eine Handlung der Liebe sein, die unsere eigene Würde zum Ausdruck bringt."

    Na ja. Selbst aus jahrelanger Sperrmüll-Erfahrung weiß ich, dass das in den meisten Fällen nicht wirklich möglich ist.
    Es gibt einen guten Grund, warum man Sachen wegwirft, weil sie beispielsweise vermodert, versifft oder wirklich in dem Maße beschädigt sind, dass man sie nicht weiter gebrauchen und in einigen Fälle nur noch in Grenzen ausschlachten kann.
    Wenn es noch was taugt und es sich um was größeres handelt, kann man das verschenken oder beim Second-Hand-Shop abgeben. Sollte es wertvoller sein, gibt es dafür ja noch E-bay. Also hätte sich der Fall eigentlich erledigt. Wenigstens für die, die wissen, wie´s geht.

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    1. In dieser Welt in der wir nun mal leben, können sich nur die Reichen das Wiederverwenden leisten, weil (meist) eine Reparatur teurer ist, als eine Neuanschaffung, auf jeden Fall dann wenn man nicht viel Geld hat und sich eh an der unteren Preiskategorie orientieren muss!
      Genau sowas sollte ein Papst der Armen aber wissen!

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