Donnerstag, 2. April 2015

Gründonnerstag

 

Ich erinnere mich noch gut an den Religionsunterricht der Unterstufe im Gymnasium.
Damals hatten wir den Pfarrer der Nachbarpfarre als Katecheten und Religion war jene Stunde, in welcher wir heimlich Hausübungen für andere Fächer erledigten oder auch sonst allerlei Unfug trieben. Unser Herr Professor bekam es wahrscheinlich mit, aber sah darüber hinweg. Die meiste Zeit war es also so, daß wir ihn nicht störten und umgekehrt.

Manchmal aber haben die Klasse und der Herr Pfarrer doch gemeinsam den Unterricht bestritten.
Zum Beispiel  als wir den Fall des Judas Iskariot durchgenommen haben. Schon alleine, daß hier jemand seinen besten Freund für Geld verraten und verkauft hat, war etwas, das uns beschäftigte, da auch in unserer Klasse sich verschiedene Gruppen (Cliquen - war damals das neue Wort!) gebildet haben und nicht nur zwischen sondern auch innerhalb  dieser Gruppen gab es ständig Reibereien.
Verrat am Nächsten, der in keiner Weise an mir schuldig geworden ist – das beschäftigte uns.
Und so entstand eine lebhafte Diskussion aus der bald zwei wichtige gegensätzliche Erkenntnisse hervorkamen.

 

    • Es war eine Riesensauerei von Judas und
    • Judas hätte ja gar nicht anders gekonnt, denn irgendjemand mußte ja Jesus verraten .

 

 

 

Judaskuß

 

Bildquelle

 

 

Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was uns der Herr Pfarrer damals gesagt hat, doch ich weiß, daß ich schon damals ein deprimierendes und ungutes Gefühl vor allem mit der fatalistischen Variante hatte:

Gott hat Judas ausgewählt, um seinen Sohn zu verraten.

Und wenn man sich dann noch vor Augen hält, was Jesus über den Verrat am Menschensohn gesagt hat:

» … Er antwortete aber und sprach: Der mit mir die Hand in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; aber wehe jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen verraten wird! Es wäre für jenen Menschen besser, wenn er nicht geboren wäre. Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Rabbi, doch nicht ich? Er spricht zu ihm: Du hast es gesagt!"…« Mt 26, 23-25

 

Ich muß zugeben im Lauf der Jahre bin ich nicht wesentlich klüger geworden, was diesen Judas betrifft.
Er weiß, daß Jesus weiß und trotzdem: Unbeirrt geht er den Weg des Verräters, tatsächlich so, als ob er nicht anders gekonnt hätte, ja wirklich, als ob er auserwählt, also in einem gewissen Sinn  hilflos unter Zwang gewesen wäre.
Schlußendlich erfährt man nur noch, daß sich Judas erhängt hat.

Verrat ist mit Sicherheit eine Versuchung, der zu unterliegen niemand gefeit ist und dennoch glaube ich, daß der Verrat, den Judas begangen hat einzigartig und sogar wichtig war, so wie der, den er verraten hat einzigartig war und gerade aufgrund dieser Einzigartigkeit ist es sicher falsch, wenn Judas zum Negativbeispiel  und zur Symbolfigur für so viele Varianten von Verrat im Lauf der Geschichte geworden ist.
In meinen Augen ist die Handlungswiese des Judas nicht in unseren Alltag übertragbar. 
Wer von uns hat denn schon die Schrift zu erfüllen?

Mag sein, daß gelernte Theologen sich über meine Gedankengänge amüsieren, doch dieser Judas ist und bleibt für mich persönlich nicht greifbar oder erklärbar.
Und immer wenn ich meine, eine Lösung gefunden zu haben, ist sie schon wieder weg.

P.S.: Der Pfarrer von damals ist schon vor langer Zeit gestorben.
Mit den Einblicken, die er jetzt genießt, würde er es mir sicher gut erklären können….


Kommentare:

  1. Ja, Herr Bellfrell, da hast du einen Eiß Religionsunterricht gehabt. Der menschenverachtende Zyniker Calvin hätte seine wahre Freude daran.
    Nie, aber auch niemals hat Gott einen Menschen dazu bestimmt Böses zu tun. Böses zu tun ist immer die Entscheidung des Menschen. Es war vor Schöpfung der Welt schon geplant, das Jesus zu dem bekannten Zeitpunkt das Sühneopfer für alle Menschen sein wird.
    Dazu bedurfte es aber keinen Verräter. Judas hat ohne Not seinen Herrn und Meister verraten und sich damit in die tiefste Hölle katapultiert. Niemand hat den Verrat gebraucht um unseren Herrn zu Morden, Gott schon überhaupt nicht. Der Verrat Judas war sinnlos und nicht von Gott gewollt.
    Noch ein Wort zu der widerwärtigen Prädestinationslehre Calvins. Kein Mensch ist zum Bösen von Gott vorherbestimmt. Aber dem Menschen hat Gott aus Liebe den freien Willen gegeben. Der Mensch kann sich frei für Gott entscheiden oder Böses tun. Gott ist allerdings allmächtig und allwissend. Insofern weiß Gott, wer sich für ihn entscheidet und wer nicht. Das ist aber keine Vorherbestimmung Gottes, das ist die freie Entscheidung jedes einzelnen Menschen.
    Man ist der Kommentar lang geworden. Ich glaube, ich hätte lieber einen eigenen Artikel daraus gemacht :)
    Hey! Seit wann kann ich bei Dir nicht mehr meine Seite als Profil auswählen?

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    1. Danke, liebe Anni. Ein interessanter Kommentar.
      Das mit dem Profil habe ich geändert, damit Scherzkekse und Spamer nicht mehr mit irgendwelchen Seiten in der Kommentarbox herumtrollen können....

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    2. Das ist die Lehre der Kirche zur Prädestinationsfantasie der Reformatoren. Katholischer Standard seit fast 500 Jahren.

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  2. Ich kann mich nicht erinnern, daß Judas Iskariot je Thema einer Katechese gewesen ist in meinem Leben, aber ich habe mir selbst seit Jugend an Gedanken um ihn gemacht. O.g. Passionszitat aus dem Munde Jesu ist für mich der Beleg der Verwerflichkeit der Apokatastasis/Allerlösungslehre (Die Hölle ist leer). Für mich ist es keine schicksalhafte Zweckbestimmung, daß Judas Iskariot zum Verräter wurde, da sonst ein Schöpfungsparadoxon entstünde (ein Mensch ohne freien Willen zur Sünde). Sondern für mich ist Jesu Aussage, gar Verfluchung "Wehe dem Menschen" ein Ausdruck Göttlicher Allwissenheit, der von der Schöpfung der Welt an und damit von der Möglichkeit der Existenz eines Menschen namens Judas Iskariot an, von dessen zu treffender Entscheidung und Verdammtheit wußte und somit kein wie auch immer geartetes Übersteuern des Willen von Judas Iskariot notwendig war. Gesegnete heilige Tage!

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    1. Vielen Dank! Freut mich, daß ich wieder einmal von "Marcus mit dem C" höre bzw. lese!
      Ich fürchte auch, daß die Hölle wesentlich besser belegt sein wird, als uns das so mancher schönreden will.
      Ebenfalls gesegnete heilige Tage.

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  3. Vielleicht noch der Gedanke: Wenn man von Judas spricht darf man den Petrus nicht vergessen. Judas verrät aus Kalkül, Petrus aus Angst.

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    1. Ja, das Verleugnen des Petrus - das ist eine "Unterart" des Verrats, womit sich wahrscheinlich jeder einmal herumschlagen muß, aus Angst um sich selbst und in weiterer Folge vielleicht auch noch um Angehörige. Es gab und gibt immer wieder Zeiten, wo es sehr viel Mut braucht, auf der Seite der Verfolgten zu stehen.

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