Montag, 17. März 2014

Danke Rosamunde Pilcher!



Man muß in der Fastenzeit bereit sein, Opfer zu bringen.


0342v Polurrian Hotel, Lizard Peninsular, Cornwall, EnglandSo könnte ich unseren gestrigen “Ausrutscher” via Fernsehen natürlich auch erklären.
Aber ich muß leider zugeben – und da überwiegt jetzt das Gebot “Du sollst nicht lügen”- , daß es kein einmaliger Ausrutscher war.
Denn in einer Art zwanghaftem, geistigen Masochismus sind wir von Zeit zu Zeit dieser einzigen und wahren Könnerin schmachtender Liebesschmonzetten verfallen, deren Ende immer schon am Anfang für jeden Zuseher völlig klar ist.
Rosamundes G’schichteln  befolgen ein klares literarisches Konzept, welches die Schriftstellerin knallhart bei allen(!) ihren Ergüssen durchzieht:
  • Anreise einer Hälfte des Liebespaares
  • Allerzufälligstes Aufeinandertreffen des Liebespaares
  • Zarte bis  leidenschaftliche Annäherung der Liebenden
  • Pilchersches Mißverständnis (=ähnlich dem tragical accident bei Shakespeare)
  • Pilchersches Zerwürfnis, manchmal auch provoziert durch eine
  • Pilchersche Intrige
  • Entzweiung der Liebenden ohne klärendes Gespräch, meist gefolgt von einer-
  • sofortigen Abreise eines Liebenden
  • Dramatischer Höhepunkt (sehr oft ein Unfall, bei dem nicht mehr benötigte Protagonisten entsorgt werden, eine plötzlich benötigte Organspende oder ein krimineller Akt, welcher ebenfalls unbrauchbare Handelnde ins Aus schießt)
  • Pilchersche Läuterung
  • Pilchersche Versöhnung
  • Schluß - Kuß – Aus
Nicht so gestern.
Das Kleinod Evitas Rache bescherte uns zusätzlich und hochmodern ein schwules Liebespaar. Der auch schon in die Jahre gekommene Muttersohn wußte dies aber stets zu verheimlichen und erst ganz am Schluß stellte er seiner Mutter den Verlobten(!) vor, dem er mehr oder weniger romantisch in einer vorangegangenen Szene anläßlich  eines Strandspazierganges einen Heiratsantrag gemacht hatte, weil dies in Great Britain ja nun endlich möglich sei.
Das Hauptliebespaar hat sich selbstverständlich auch bekommen.
Man kann die o.a. Punkte des Pilcherschen Dramenaufbaus fast auf die Minute genau bei jeder Pilcherverflmung abhaken. Das ist neben den unfreiwillig witzigen Dialogen und der genialen Auswahl  pilcherbewährter Schauspieler immer besonders lustig.
Und doch gestern waren wir verblüfft.
Nicht wegen des schwulen Liebespaares per se, nein, sondern wegen der Äußerung der Mutter am Schluß, als ihr Sohnemann die Heiratsabsichten unterbreitete. Sagte da die nunmehr geläuterte, vormals alte Hexe doch glatt:
“Wozu wollt ihr denn heiraten, das ist doch absolut spießig!”

Ich hätte nie gedacht, daß  diese treffende Frage, die Quintessenz des Fernsehabends, ausgerechnet aus der flotten Schreibfeder einer Rosamunde Pilcher fließen könnte.
Ja, wozu?
Heteros wollen heute weder heiraten noch Kinder bekommen, haben diese fürchterlichen gesellschaftlich aufoktroyierten reaktionären Grauslichkeiten endlich abgeworfen und dann wollen ausgerechnet Homosexuelle  auf diesem mittelalterlichem Humbug beharren?
Wehret den Anfängen – kann man da nur laut und hilflos vor dem Fernseher sitzend schreien, WEHRET DEN ANFÄNGEN!!!
Vielen Dank, Rosamunde Pilcher, daß Du bereit warst, diese kleinstbürgerlichen Strömungen aufzuzeigen, die da schon wieder eintreten wollen. Tausend Dank!

Kommentare:

  1. Rosi Pilcher? Bellfrell!??? Es hat länger gedauert, bis der Groschen (entspricht 5 cent in Wertlosgeld) gefallen ist: Cornwall ist ein Paradies gefräßiger Möwen. Da nimmt man schon einmal gern belanglose Filme in Kauf um schöne Möwen zu sehen, gell?

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    1. ;-) Du bist also, auf derSuche nach der dunklen Seite Bellfrells? Oje! jetzt muß ich aber auf der Hut sein. Wer weiß, was man mir dann noch alles andichtet...

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  2. Ich habe keine dunkle Seite gesucht. Mir sind die gefräßigen cornischen Möwen in liebster Erinnerung. Insbesondere, wenn ich mich an jene unvergessene Szene in St. Ives erinnere:
    Ich wollte ich aus der Hand eines gefräßigen Menschen ein Stück Bigmäc abbeißen.
    Dieser gefräßige Mensch war wenig von meinem Ansinnen begeistert (verstehe ich immer noch nicht), so dass er behände die Arm, Hand und Bigmäc nach oben riss, mir keinen kleinen Happen gönnend.
    Kaum hatten Arm, Hand und Bigmäc den höchsten Punkt erreicht, da war der Bigmäc leichte Beute für eine gefräßige Möwe. Wie schrieb seinerzeit Jerome K. Jerome so schön: „I never saw am mens face chance so suddenly.“ Diese Reaktion traf auch auf den gefräßigen Menschen zu.

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