Freitag, 4. Oktober 2013

Franceso e il lupo

 

 

Der Wolf von Gubbio

Zu der Zeit, als Sankt Franziskus in der Stadt und dem Bezirk Gubbio weilte, erschien dort ein ungeheuer schrecklicher und wilder Wolf, der nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen fraß. Darob lebten alle Bürger in Furcht und Schrecken, denn oftmals lief er durch die Stadt. Alle gingen schließlich nur bewaffnet, wenn sie ihr Haus verließen, gerade, als wenn sie in den Kampf zögen, und doch hätte ein einzelner, wenn er dem Wolf begegnet wäre, sich nicht gegen ihn wehren können. Zuletzt kamen die Leute von Gubbio so weit, dass niemand es wagte, auszugehen.

Der heilige Franziskus aber hatte Mitleid mit den Bewohnern dieser Stadt, und er beschloss, den Wolf aufzusuchen, obwohl die Städter es ihm widerrieten. Er machte das Zeichen des Kreuzes, ging mit seinen Gefährten durch die Gefilde, voller Zuversicht auf Gottes Hilfe. Und da die anderen nach einer Weite zögerten, ihn zu begleiten, so ging er allein nach jener Gegend, wo der Wolf hauste. Und siehe es geschah vor den Augen vieler Bürger, die gekommen waren, das Wunder zu sehen, dass jener Wolf mit offenem Rachen auf Sankt Franziskus losrannte; doch als er sich ihm näherte, machte Sankt Franziskus über ihm das Zeichen des heiligen Kreuzes, rief ihn zu sich und sprach zu ihm also: "Komm her, Bruder Wolf, ich gebiete dir im Namen Christi, nimmer Böses zu tun, weder mir noch irgendeinem anderen." O Wunder! Sowie Sankt Franziskus das Zeichen des Kreuzes gemacht hatte, schloss der fürchterliche Wolf den Rachen und hemmte seinen Lauf. Und als er den Befehl vernommen hatte, kam er sanftmütig wie ein Lamm heran und legte sich dem Sankt Franziskus zu Füßen nieder.

Da sprach Sankt Franziskus also zu ihm. "Bruder Wolf, du hast allhier viel Böses getan und mancherlei arge Missetat, indem du Gottes Geschöpfe gegen sein Gebot vernichtet und getötet hast, und nicht nur die Tiere hast du ums Leben gebracht und gefressen, du hast auch gewagt, die Menschen zu töten, die im Ebenbilde Gottes geschaffen sind. Deshalb verdienst du den Tod durch den Galgen als ein schuldbeladener Dieb und Mörder. Und alle Welt schreit und murrt wider dich und alle Lande hier sind dir feind. Ich aber, Bruder Wolf, ich will Frieden stiften, zwischen dir und diesen. Du sollst ihnen fürderhin nicht mehr schaden, sie aber werden dir all deine früheren Missetaten vergeben und weder die Menschen noch die Hunde sollen dich künftig verfolgen!"

Als der Wolf diese Worte vernommen hatte, wedelte er mit dem Schweif und gab durch seine Blicke, durch Bewegungen und durch Neigen seines Kopfes zu verstehen, dass er einverstanden sei mit dem Vorschlage des heiligen Franziskus und ihn annehme. Und Sankt Franziskus sprach wiederum: "Bruder Wolf, da du eingewilligt hast, diesen Frieden zu schließen und zu halten, so verspreche ich dir, ich will dafür sorgen, dass dir, solange du lebst, diese Männer deine Kost darreichen, dass du künftig nicht mehr Hunger leidest; denn ich weiß wohl, dass du nur, weil du Hunger littest, alles Böse getan hast. Doch da ich diese Gunst dir erwirkte, so will ich, Bruder Wolf, dass du mir versprechest, nimmermehr weder Mensch noch Tier Schaden zu tun versprichst du mir das?"

Und der Wolf gab durch Neigen des Kopfes deutlich kund, dass er es versprach. Und Sankt Franziskus redete weiter zu ihm also: "Bruder Wolf, ich will dein feierliches Gelöbnis für dieser Versprechen, damit ich dir vertrauen kann!" Und Sankt Franziskus streckte ihm seine Hand entgegen, um sein Gelöbnis zu empfangen, und der Wolf erhob seine Tatze und legte sie freundlich in die Hand des heiligen Franziskus und gab, so gut er es vermochte, sein Treuegelöbnis.

Da sprach Sankt Franziskus: "Bruder Wolf, ich befehle dir im Namen Jesu Christi, ohne Zögern mit mir zu kommen. Wir wollen gehen und diesen Frieden im Namen Gottes bekräftigen." Und der Wolf ging mit ihm, gehorsam wie ein sanftes Lamm.

Quelle: Fioretti 21, in der Übersetzung von Max Kirschstein, Franz von Assisi, Die Werke, Hamburg 1958


Kommentare:

  1. Tiere sind nicht böse. Um böse zu sein, bedarf es der Kenntnis von Gut und Böse. — Hat denn ein Tier im Paradies vom Baum gegessen?

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  2. Die Fioretti behaupten nicht, daß der Wolf böse gewesen wäre, sondern daß er Böses getan hätte – das ist ein Unterschied. Ein Wolf, der das einzige Schaf einer armen Bäuerin italienischen frißt, tut das nur, um am Leben zu bleiben. Nichtdestotrotz mag es für die Bäuerin Böses bedeuten.

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  3. Hmpft: Wortdreher, meine neueste Spezialität. Es sollte natürlich heißen "einer armen italienischen Bäuerin".

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  4. @Braut des Lammes
    ;-) Das hat dem Satz einen passenden italienischen Akzent verliehen - auch nicht schlecht.

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