Mittwoch, 8. Februar 2012

Lieber fad statt fake

 

Jemand erzählt eine phantastisch ausgeschmückte Geschichte, die interessant und aufregend sein soll, und der Zuhörer findet es nur öd und langweilig, weil er den Erzähler und somit auch den Hauptdarsteller der Geschichte genau kennt und weiß, daß das einzig Aufregende an dieser Geschichte ist, daß sie zu 100%  so nie passiert ist.

Ich bemerke, daß ich zusehends die Geduld verliere, wenn Herr X und Frau Y  mir ihr im Grunde genommen  stinknormales Leben als einziges Abenteuer verkaufen wollen und meinen, mir oder anderen armen Zufallsopfern ständig beweisen zu müssen, wie interessant und (üb)erfüllt ihr Alltag abläuft.
"Alles - nur nicht langweilig, bzw. alltäglich, oder -  Gott behüte - normaler 0/8/15 Betrieb.”

Ja und? Warum denn nicht?

Seit einiger Zeit darf sich das Leben jedes noch so unbedeutenden Zeitgenossen anscheinend nur noch in Form von Superlativen abspielen. Egal, ob Positives oder Negatives, es muß im Superlativ bewältigt werden, unter Miteinbeziehung des gesamten Umfeldes und unter Zuhilfenahme sämtlicher Inszenierungshilfsmittel. Herr X und Frau Y sind die Darsteller ihrer eigenen Reality-Sitcom und erwarten sich dazu, das Einblenden des obligaten allgemeinen Applaus.

Selbstdarstellung ist eine Inszenierungsstrategie, um ein bestimmtes Ansehen bei anderen herzustellen. Ziel ist die Inszenierung eines erwünschten Selbst mit der wesentlichen Funktion, den sozialen Einfluss zu vergrößern. Daher steuern, beeinflussen und kontrollieren Individuen in sozialen Interaktionen den Eindruck, den sie auf andere Personen machen. Typische Medien der Selbstdarstellung sind die inhaltliche Gestaltung von Aussagen, gleichermaßen auch das nonverbale Verhalten und das Erscheinungsbild.Wikipedia

Es ist verständlich, daß sich jeder Mensch von seiner besten Seite präsentieren will. Doch dieses ständige, bewußte Präsentieren und zur Schau stellen der eigenen Persönlichkeit hat beinahe schon etwas neurotisches.

Social networking (es sollte eigentlich social faking heißen) fördert dieses Treiben zusätzlich; denn nirgendwo wird so viel erfunden und inszeniert, wie auf diesen vernetzten Lügenportalen.

Die gesellschaftlichen Inszenierungen haben mittlerweile überall gegriffen. Menschen helfen anderen Menschen nicht mehr weil diese der Hilfe bedürfen, sondern es werden Charity- Events und Spenden-Galas von Charity Ladies und Spendenkonzernen betrieben, die oft verhindern, daß irgendwelche Spenden überhaupt dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Nur wenige Teilnehmer denken beispielsweise am Life Ball an irgendwelche Aids - Kranken. Man delektiert sich lediglich an den mehr oder weniger verkommenen und mehr oder weniger prominenten Gestalten, die sich auf derartigen Veranstaltungen herumtummeln, um sich unter großem Medienaufwand zu produzieren.

Wer kennt sie nicht, die Anekdote um Mutter Teresa, als ein Mann beeindruckt von ihrem Werk zu ihr sagte:

"Nicht um viel Geld würde ich Ihre Arbeit tun wollen, Mutter Teresa." Darauf sie: "Ich auch nicht!"

Das viele Geld, die Gage des durchschnittlichen Lebenskünstlers ist die eigene Performance geworden. Man berichtet über jeden noch so unbedeutenden Vorfall des eigenen Lebens, bereitwillig und beinahe schon exhibitionistisch. Ohne Rücksicht auf Verlust der eigenen Würde und ohne jegliche Hemmung seine Umgebung damit zu Tode zu langweilen, weil in einem stinknormalen Leben zu 99,9% einfach nichts Aufregendes zu geschehen pflegt.

Jeder will seine 15 Minuten Berühmtheit und sei es nur, um in diesen 15 Minuten lang der Trottel des Tages zu sein - und mein Gott, ja, sie seien ihm gegönnt. Doch manchmal frage ich mich, warum ich 15 Minuten meines für mich kostbaren Lebens, mit dem ich - stinknormal und uncool -  zufrieden bin, dem Geltungsdrang irgendeines Selbstdarstellers zur Verfügung stellen soll, weil er von mir erwartet, seine Selbst-Inszenierung zu würdigen?


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