Freitag, 23. Juli 2010

Toleranz

Aushalten, ertragen, erleiden, erdulden, erträglich machen, fristen, Genüge leisten.
Das sind die gängigsten Übersetzungen zum lateinischen Wort tolerare. Vorwürfe wie “ Sei doch nicht so intolerant”, oder “ Du mußt viel toleranter sein” fordern interessanterweise immer nur die Aktiven, also Jene, die durch ihr Verhalten ihre Mitmenschen belästigen, verärgern und manchmal sogar nötigen. Und es sind  immer die Passiven, die sich merkwürdigerweise den Vorwurf der Intoleranz gefallen lassen müssen.
Nehmen wir zum Beispiel die viel strapazierte Toleranz gegenüber einem Raucher. Wie soll man als Nichtraucher einem Raucher gegenüber toleranter sein?
Indem man sich noch enger an ihn schmiegt und ihn bittet, einem doch den Rauch direkt ins Gesicht zu blasen?  Der aktive Part ist eindeutig der Raucher. Er hat das Potenzial, die Situation für den Nichtraucher erträglicher zu machen, denn durch Nichtrauchen wird niemand in seiner Freiheit eingeschränkt. Und wenn man es als Passiver dem Aktiven , wirklich erträglich macht, indem man ihm zum rauchen ermuntert und ihn unterstützt, obwohl man weiß, daß er dadurch seine und die Gesundheit anderer mehr oder weniger bewußt ruiniert, dann handelt es sich dabei wohl eher um Fahrlässigkeit als um Toleranz.
Ähnlich läuft es in der Politik ab. Um Wähler zu rekrutieren muß alles und  jeder  toleriert werden. Meister der vehement eingeforderten Toleranz sind allen voran linke Gruppierungen, die mehr und mehr zum Sammelbecken egoistischer und rücksichtsloser Selbstdarsteller mutieren. Die Toleranz wird ein politischer Slogan und darf nicht hinterfragt werden. Im Gegenteil, sie wird zwangsexekutiert und erzeugt mehr und mehr Unbehagen  bei den anderen politischen Gruppierungen. Wie sonst wäre es zu erklären, daß Antisemitismus, praktiziert von einer staatlich anerkannten Religion, toleriert wird  – die ganze Welt kennt die geistigen Auswürfe eines iranischen Präsidenten . Oder hängt die heute praktizierte Toleranz hauptsächlich davon ab, wie hoch das Agressionspotenzial des Aktiven ist: Umso bedrohlicher ich mich produziere, desto leichter erhalte ich die geforderte Toleranz.
Das Wort Toleranz ist heutzutage entstellt und mißbraucht, politisch korrigiert und sinnentleert. Toleranz sollte heißen: Ich mache etwas zu meinem Vergnügen, das jedoch zu Lasten eines Anderen geht. Darum bemühe ich mich, die Unannehmlichkeiten, die dem Anderen durch meine Aktivitäten widerfahren, erträglich zu machen, damit dieser seinen Wirkungskreis nicht wegen mir verlegen, oder gar verlassen muß.

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